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Mittwoch, 24. Oktober 2012

Schauderhafte Begegnung

Motorradunfälle passieren nahezu täglich - und auch Daniel wird dieser Gefahr ausgesetzt. Schlimm genug, dass er sich nach einem kurzen Blackout auch noch selbst einen Ast aus dem Bein ziehen muss, doch niemand ist in der Nähe, ihm helfen zu können. Zwar macht er sich unter Qualen auf, Hilfe zu suchen, jedoch ist das der Beginn einer noch viel größeren Gefahr. 

Alles was Daniel noch weiß ist, dass er Scheinwerferlicht eines Autos sah, bevor er erneut ohnmächtig wird und im Anschluss in einem altmodisch ausgestatteten Zimmer erwacht und feststellt, dass die Wunde seines verletzten Beines genäht wurde. Und das Kennenlernen der älteren Dame, die ihn im Straßengraben fand, entpuppt sich allmählich zu einer schauderhaften Begegnung.

Leseprobe:


M. Fernholz - Anthologie "Coldcut"
Ich ringe nach Luft. Hitze staut sich in meinem Schädel. Panik. Ich bilde mir ein, jemand würde meine Luftröhre zusammendrücken. Ich weiß nicht, was gerade passiert. Es riecht nach nasser Erde, nach Holz. Nur verschwommen nehme ich meine Umgebung wahr; aber ich erkenne natürliches Grün. Ich versuche, mich zu orientieren. Den Kopf bewege ich panisch in alle Richtungen. Wie in einem Traum ist mein Empfinden. Nichts erscheint mir real; nur die Qual der mangelnden Atemluft zeigt mir, dass ich lebe. Hastig ertaste ich meinen Hals. Etwas drückt auf die Halsschlagader. Die Hitze in meinem Kopf steigt stetig, der Pulsschlag dröhnt bedrohlich. Meine Hände gleiten tastend höher. Nasser glatter Kunststoff. Ich lasse die Hände nach vorn rutschen, sodass ich sie vor meinen Augen sehen kann. Sie liegen auf dem Visier. Nun begreife ich. Erneut taste ich panisch am Hals. Lange werde ich nicht mehr durchhalten, mir wird schon jetzt wieder schwindlig. Das Gefühl mich übergeben zu müssen setzt ein. Die Bäume und Sträucher um mich herum verblassen. Doch dann kann ich den Kinngurt öffnen, und mit einem tiefen Luftzug reiße ich den Helm von meinem Kopf. Ich japse. Muss mich übergeben, was mich wiederum ermattet, da ich in diesem Moment nicht ausreichende Sauerstoffzufuhr bekomme. Das Herz rattert. Meine Sehorgane scheinen aus den Höhlen gequetscht zu werden, während ich würge und erneut Magensäure und Undefinierbares ausspeie. Ich spüre, wie stark mein Brustkorb sich hebt und senkt, als ich kurz darauf angestrengt atme. Allmählich aber werde ich mir selbst bewusster - die Luft in meinen Lungen transportiert wieder ausreichend Sauerstoff in mein Gehirn. Auch wenn mein Kopf noch immer dröhnt, wage ich zu beurteilen, dass ich einen Unfall mit meinem Motorrad hatte. Nur weiß ich nicht, wie lange es her ist, noch, wo mein Krad ist, und wohin ich eigentlich unterwegs war. Ich sehe mich um. Außer den Bäumen, die ihre schon teilweise braunen Blätter verlieren, und dem feuchten Unterholz ist nichts zu erkennen. Plötzlich überkommt mich das Gefühl von Kälte. Obwohl ich unter den Achselhöhlen nass bin, friere ich zitternd. Während ich dieses Vibrieren meines Körpers beobachte, gleitet mein Blick abwärts zu den Beinen. Schluckend reiße ich die Augen auf, als ich zu meinem rechten Bein sehe. Erneut ein Anfall von Angst und Panik - ein erschreckend großer Ast steckt schräg in meinem Oberschenkel.
 
Die Novelle "Der Unfall"

Der Autor M. Fernholz veröffentlichte die Novelle "Der Unfall" in seiner Anthologie "Coldcut". Dieses Buch enthält zudem weitere Novellen und Kurzgeschichten; außerdem den bereits vorgestellten Roman "Border - Niemand entkommt dem Spiel".

Kommentare:

  1. Hallo Herr Fernholz,


    zufällig bin ich eben über Ihren Autorenblog und die Leseprobe zu "Unfall" gestolpert.

    Mir gefällt die Eindringlichkeit mit der sie das Hässlich-Beklemmende dieser Situation herausgearbeitet haben. Auch der erste Satz überzeugt.

    Eine gute Arbeit!

    Viele Grüße,
    Literaria Wertenbroch

    PS: Ihr Text ist zu schade für epubli. Haben Sie einmal bei den großen Verlagen angeklopft?
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    http://gedanken-kreiseln.blogspot.de/

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    1. Hallo Frau Wertenbroch,

      vielen Dank für Ihren lieben Kommentar, über den ich mich sehr freue!

      Ja, ein richtiger Verlag wäre schon toll, aber ich vermute, dass der Buchmarkt doch schon recht übersättigt ist, wodurch vor allem Neuautoren kaum eine Chance haben, von Verlagen aufgenommen zu werden. Dazu müsste man vermutlich mit einem Bestseller debütieren.

      Selbstverständlich habe ich bereits verschiedenste Buchverlage kontaktiert, um anschließend Storys hinzusenden, aber die Rückantworten nach etwa einem halben Jahr waren mehr als vielversprechend. Und von Zuschussverlagen halte ich gar nichts. Naja, aus diesem Grunde sehe ich da doch meine Chance bei epubli.

      Lieben Gruß
      M. Fernholz

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